Lehrer und Schüler lesen in einem Buch
31.05.16 09:10 Alter: 2 yrs
Kategorie: Top News, Haus Rheinfrieden Pressemitteilungen
31.05.16

„Es ist nicht wichtig, alles selbst zu können. Aber es ist wichtig, mitteilen zu können, was man will.“ Ehemalige Schülerin von Haus Rheinfrieden veranstaltete Infoabend zum Thema „Selbstbestimmt leben“.


Esther Junghanns

Viele spannende Infos zum Thema.

„In den 90er Jahren konnten wir Rollstuhlfahrer die Straßenbahnlinie 66 noch nicht benutzen – sie war nicht barrierefrei. Unser Bewegungsradius war ganz schön eingeschränkt.“ Das war einer der ersten Sätze, den Esther Junghanns staunend fallen ließ, als die ehemalige Schülerin von Haus Rheinfrieden im März ihrem „alten Zuhause auf Zeit“ einen Besuch abstattete. Zwar ist die eingeschränkte Mobilität rollstuhlfahrender Menschen durch den nicht barrierefreien Bahnhof Rhöndorf bis heute ein Thema, immerhin etwas hat sich dann aber scheinbar doch getan in den letzten Jahren.


Von 1993 bis 1997 besuchte Junghanns das Nell-Breuning-Berufskolleg und lebte während dieser Zeit in der Außenwohngruppe des Internates. „Die Zeit in Haus Rheinfrieden war sehr bereichernd für mich.“ Deswegen sei es ihr auch ein Anliegen gewesen, ihre Erfahrungen in Sachen selbstbestimmtes Leben an die jetzige Schülergeneration weiterzugeben. Und Erfahrungen hat Esther Junghanns zahlreiche gemacht, seit sie mit ihrem Abschluss in der Tasche nach München zur Stiftung Pfennigparade gegangen ist. „Alles, was ich heute habe, habe ich mir mühsam selbst erkämpft“, sagt die 42-Jährige, die zum Infoabend in Haus Rheinfrieden von ihrem Mann Robert und ihrer persönlichen Assistentin Pia begleitet wurde. Wohlgemerkt ist Pia eine von insgesamt sieben Assistenten, die von Junghanns beschäftigt werden, um das Leben in der eigenen Wohnung meistern zu können. Mithilfe eines komplexen Dienstplanes behält sie die Übersicht, wer wann zu ihr kommt - 24 Stunden lang, an sieben Tagen die Woche.
Für Junghanns steht fest: Auch wenn es nicht immer leicht ist: das Assistenzmodell ist für sie der richtige Weg, um ihr Leben nach den eigenen Vorstellungen gestalten zu können. „Mein Partner unterstützt mich sehr und ich weiß natürlich, dass ich mich im Notfall auf ihn verlassen kann. Aber ich will eine Beziehung auf Augenhöhe leben und nicht von ihm abhängig sein.“ Geduldig beantwortet die muntere Frau die vielen Fragen der anwesenden Schüler rund um das Leben mit Assistenz, aber auch um das Thema Partnerschaft und schließlich natürlich um die Arbeit.


„Ich wollte niemals in eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung (WfbM) gehen und saß stattdessen 1,5 Jahre lang zuhause.“ Erst als ihr die Decke auf den Kopf gefallen sei, habe sie sich doch zu diesem Schritt durchgerungen. Ein Schritt, den sie am Ende nicht bereut habe. Denn über die Teilnahme an einem Seminar zum Thema „Peer Counseling“ (Beratung von Menschen mit Behinderung für Menschen mit Behinderung) kam Junghanns mit den „Netzwerkfrauen Bayern“ in Kontakt, einem Netzwerk von und für Frauen und Mädchen mit Behinderung, das sich für deren Gleichstellung und Selbstbestimmung in allen Lebensbereichen einsetzt. Seit mittlerweile elf Jahren arbeitet sie nun schon dort als Netzwerksprecherin, im Rahmen eines Außenarbeitsplatzes der WfbM. Eine Stelle, die sie „voll ausfüllt“ und ihr die Zufriedenheit gibt, etwas sinnvoll bewirken zu können, denn „was die Rechte von Menschen mit Behinderung – und Frauen insbesondere – angeht, liegt noch vieles im Argen.“ Aber, so schließt die Referentin am Ende des Abends entschlossen: „Man darf nie aufgeben.“


Für alle Fragen oder eine Beratung rund um das Thema „Selbstbestimmt leben“ steht Frau Junghanns unter selbstbestimmtleben@hotmail.de zur Verfügung.